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Praxis


Dragonsongs – Lang Lang in China
Dokumentarischer Dreh

Zum Projekt

Der Pianist Lang Lang – wenn er spielt, toben weltweit, vor allem auch in China, die Massen. Bodyguards schützen ihn auf dem Weg von seiner Limousine in die Konzerthalle, Jugendliche kreischen bei seiner Ankunft am Flughafen, er gibt stundenlange Autogramm-Stunden ; seine Geschichte entspricht dem Traum von 38 Millionen klavierlernenden chinesischen Kindern: Aus der Provinz Shenyang schaffte er den Sprung auf die großen Bühnen der Welt, im Alter von 23 Jahren ist er einer der Superstars der klassischen Musik. Umschwärmt und geliebt von Publikum und Kritikern gleichermaßen.

Loft Music GmbH und Nightfrog GmbH produzieren die Musik-Dokumentation „Dragonsongs“ (Regie: Benedict Mirow), einen Film über Lang Lang, der auch als DVD bei der Deutschen Grammophon erscheinen wird.

Mitte Dezember 2005 begannen die Dreharbeiten: Es bestand die Idee, den chinesischen Superstar auf seiner großen China-Tour zu begleiten. Höhepunkt und Ende der Aufnahmen waren exklusive Aufzeichnungen für „Dragonsongs“ mit traditioneller chinesischer Musik im Konservatorium von Beijing Mitte Januar 2006.

Für Lang Lang war es eine Reise zu seinen Wurzeln, nachdem er China vor acht Jahren verlassen hatte, um in Philadelphia/USA seine Weltkarriere durch ein Studium am berühmten Curtis-Institut zu beginnen. Jetzt kehrte er zurück und zeigte dem Filmteam seine Heimat und deren schillernde Kultur. Lang Langs Konzertreise war auch eine faszinierende Reise durch ein einzigartiges, aufstrebendes Land mit einem reichen kulturellen Leben.

Das Team begleitete ihn Mitte Dezember bis Anfang Januar dokumentarisch auf seiner Tournee durch sechs chinesische Städte (Beijing, Shenzen, Shenyang, Guangzhou, Zhongshan, Shanghai), wo es den Star auch abseits der großen Presse-Events und Konzertpodien erlebte. Der Schwerpunkt sollte hier keinesfalls auf Mitschnitten seiner Konzerte liegen, sondern eher auf Lang Lang als Mensch, zum Beispiel bei seiner Familie zuhause in Shenyang oder in der Hotel-Suite, beim Einkauf auf der Straße oder dem Besuch im Buddha-Tempel, in der Limousine auf dem Weg zum Konzert oder im VIP-Raum im Backstage-Bereich.

Surround-Mikrofonierung

Die exklusive Aufnahme mit traditioneller chinesischer Musik im Januar fand in diskretem 5.1 Surround Sound durch die Deutsche Grammophon (Balance Engineer: Stephan Flock) statt. Vier Kameras (HDCam, u.a. auch Kamera-Kran und Dolly) waren gleichzeitig im Einsatz. Schon vor Beginn der dokumentarischen Dreharbeiten im Dezember stand fest, dass „Dragonsongs“ zumindest für die DVD der Deutschen Grammophon (Fertigstellung geplant Herbst 2006) - und eventuell sogar für eine Kino-Auswertung produziert werden sollte: Endformat der Tonspur des Films wird also in jedem Fall eine diskrete sechskanalige Surround-Mischung.

Deshalb war es die Idee, den gesamten dokumentarischen Teil - die Reise mit Lang Lang durch China während seiner Tournee – ebenfalls in Surround zu produzieren, d.h. den gesamten Originalton mit einem diskreten Mehrkanalverfahren aufzuzeichnen.

Dies alles aber trotzdem unter den geläufigen Originalton- Drehbedingungen beim Dokumentarfilm: nur ein Tonmeister mit mobilem Aufnahmegerät, Angel und diversen Drahtlosstrecken.

Warum Doppel-MS?

Als einzige Mikrofonierung, mit der man so an der Angel arbeiten kann, kam dafür eine SCHOEPS Doppel-MS-Anordnung (DMS) in Frage. Diese kann nämlich als einzige Surround-Anordnung durch ihre Koinzidenz und durch die Verwendung der äußerst kleinen, aber in punkto Klangqualität kompromisslosen Mikrofone der Schoeps-CCM-Serie so kompakt und leicht zusammengestellt werden, dass sie mit einer herkömmlichen Rycote-Halterung in einen Windkorb passt und zudem noch gut an der Angel zu halten ist.

“Doppel-MS” erhält man durch die Erweiterung der bekannten MS-Stereotechnik um ein zusätzliches Mikrofon. Zu der MS-Stereoanordnung für vorne (Front), bestehend aus einer Niere oder Superniere für das Mittensignal und einer Acht für das Seitensignal, kommt eine weitere Niere, die nach hinten gerichtet zusammen mit der vorhandenen Acht ein zweites Stereosystem darstellt (Rear). Den Center-Kanal erhält man direkt durch das Mitten-Mikrofon des nach vorne gerichteten Systems. Ein solches Doppel-MS-System gestattet die bekannten Einstell- und Nachbearbeitungsmöglichkeiten der Zweikanal-MS-Technik.

Es werden bei der Aufnahme also nur drei Kanäle benötigt: ein weiterer Vorteil, wenn man durch ein mobiles Aufnahmegerät ohnehin nur wenige Spuren zur Verfügung hat.

Zwei verschiedene Doppel-MS-Setups

Um in jedem Fall ein zu einer Mono-Produktion vergleichbares präsentes Mittensignal zu bekommen, war die Verwendung eines Richtrohrs Grundvoraussetzung. Das neue Schoeps Richtrohr CMIT5U konnte eingesetzt werden. Dieses neue Richtrohr war eine freudige Überraschung and hat sich als außergewöhnliches Werkzeug für O-Tonmeister erwiesen: Es kombiniert eine große, aber nicht zu scharfe Richtwirkung mit einer ungewöhnlich ausgeglichenen und angenehmen Klangfarbe. Diese Eigenschaft des CMIT ermöglichte es dem Tonmeister das Richtrohr auch in Innenräumen einzusetzen, in denen er üblicherweise die SCHOEPS Superniere MK/CCM 41 einsetzt. Die Klangfarbe der off-axis Sounds ist angenehm und entschuldigt die unvermeidbaren kleinen Ungenauigkeiten beim Ausrichten des Richtrohrs auf der Angel. Das geringe Gewicht des CMIT (89 g) ist vorteilhaft und war insbesondere im Doppel-M/S Setup willkommen. Das CMIT hat drei Druckknöpfe, die Höhenanhebung, LF Roll-off und Nahbesprechungskompensation anbieten. Diese Features wurden manchmal benutzt, um sich der jeweiligen Dreh-Situation optimal anzupassen, wenn zum beispiel mit der Angel gerannt werden musste, verhinderte ein einfaches Drücken des LF Roll-off Tasters die Körperschallgeräusche durch die Angel. Außerdem wurde die Höhenanhebung häufig benutzt, um den Höhenverlust durch den Windkorb oder größere Quellenabstände zu kompensieren. Die drei Status LEDs am CMIT ermöglichten immer einen schnellen Überblick über den gewählten Status der Filter.

Mit Halterungen der Firma SCHOEPS wurden für die weiteren benötigten Signale für Doppel-MS am CMIT5U noch ein CCM8Lg (Seitensignal) und ein nach hinten gerichtetes CCM4Lg (Rear-Signal) koinzident befestigt. Die Signale der drei Kapseln wurden durch eine kleine, fest am Shockmount montierte Adapter-Box über ein 7-poliges XLR-Kabel aus dem Korb herausgeführt und erst direkt am Aufnahmegerät wieder auf drei einzelne, dreipolige XLRs aufgesplittet. Wie bei allen Arbeiten des Tonmeisters wurde durch die zusätzliche Verwendung des “Floaters“ von Ambient Recording direkt unter dem Korb die Isolation des Setups gegen Angel-Griffgeräusche verbessert.

Durch die Verwendung dieses extrem leichten, mobilen und flexiblen Surround-Setups, das sowohl bei Außen- als auch Innen-Motiven hervorragend funktionierte, waren sehr schnelle Motiv-Wechsel ohne jeglichen Umbau möglich. Außerdem konnte stets perspektivisch - d.h. mit identischem Blickwinkel wie die Kamera -  gearbeitet werden, auch bei Kamerafahrten  oder Schwenks (z.B. Handkamera-Fahrt mit Lang Lang durchs Flughafenterminal). Dadurch werden im Film vor allem Szenen in akustisch interessanter und  belebter Umgebung (z.B. Flughäfen, Straßen, Märkte, Hotelfoyers, Konzerthallen, Backstage-Bereiche etc.) äußerst authentisch und lebendig wiedergegeben, der Zuschauer fühlt sich tatsächlich an den Ort des Geschehens versetzt. Natürlich wurden auch statische Atmos mit demselben aufgezeichnet, wenn die subjektive Perspektive zu nervös wäre oder nicht in die Szene passte.

Durch die gute Richtwirkung des CMIT5U konnte bei Bedarf beim Angeln der Fokus auf das Front-Signal (z.B. Dialog) erhöht werden. So kann über die Gewichtung der einzelnen Komponenten des Surround-Setups in verschiedenen Szenen noch in der Postproduktion entschieden werden, z.B. die Präsenz des Mittensignals, der Diffus/Atmo-Anteil, die Links/Rechts oder Vorne/Hinten-Balance, etc. . Erst dort werden die 3 Kanäle zu einem 5.1-Signal dematriziert und in der Mischung weiterverwertet.

Sämtliche Nurtöne und Atmo-Aufnahmen konnten mit der mobilen Angel-Anordnung ebenfalls in Doppel-MS aufgezeichnet werden und bieten eine extrem realitätsnahe und authentische Grundlage für die mehrkanalige Vertonung des Films, zumal China diesbezüglich eine riesige Vielfalt und Exotik zu bieten hatte.

Zusätzlich zur Anordnung an der Angel wurde ein weiteres Doppel-MS Set benutzt, das bei statischen Aufnahmen (z.B. während Lang Langs Konzerten oder Probe-Sessions) auf einem Stativ als Hauptanordnung zum Einsatz kam. Es bestand aus der konventionellen SCHOEPS Doppel M/S Anordnung (WSR DMS LU) and drei SCHOEPS Kompaktmikrofonen (2 * CCM 4V Lg, für Front- und Rear-Signal, CCM8Lg für das Seiten-Signal). Dieses Setup ermöglichte eine flexible und unauffällige Art, Musik sowie Atmo aufzunehmen und, da es ebenfalls eine Doppel M/S Anordnung ist, war es ntürlich ein idealer Partner für das besprochene CMIT System.

Bei sehr schnellen Szenen (z. B. einer Kamerafahrt hinter der Bühne mit Lang Lang bis zum Auftritt und Beginn des Konzerts), in denen zuerst das Angel-Surround-Signal hinter der Bühne und dann sofort das Stativ-Surround-Signal auf der Bühne benötigt wurde, musste nur das entsprechende 7-polige XLR-Kabel on-the-fly beim Auftritt im richtigen Moment am Recorder umgesteckt werden.

Grenzflächen als Stereo-Stütze für Flügel

Als Stereo-Stütze in Szenen mit Lang Lang am Flügel (z. B. im Proberaum, im Backstage-Raum, bei Generalproben oder Konzerten) kamen zusätzlich zur Surround-Hauptanordnung Klein-Grenzflächenkapseln des Typs BLM03Cg (mit CMC6 Mikrofonverstärkern) von Schoeps zum Einsatz, um die Präsenz des Flügels in der Postproduktion bei Bedarf noch anheben zu können. Sie befanden sich stets für die Kamera unsichtbar unter oder im Flügel angebracht.

Aufnahmegerät & Peripherie

Als Mischpult und Aufnahmegerät in Kombination kam beim dokumentarischen Dreh ausschließlich  der Recorder „Cantar X“ von Aaton zum Einsatz (fünf gespeiste Mikrofoneingänge mit Limitern, vier Line-Eingänge, sechs Aufnahmespuren). Er ist von allen derzeit am Markt erhältlichen mobilen Mehrspur-Harddisk-Recordern am robustesten und ergonomischsten, aber trotzdem portabel gebaut – also prädestiniert für dokumentarische Einsätze.

Durch seinen äußerst niedrigen Energieverbrauch eignete er sich besonders gut für die langen Arbeitstage, mit einem Satz Akkus, die gleichzeitig am Gerät betrieben wurden, kam man sehr gut über einen langen Drehtag. Ein Akku hält durchschnittlich bis zu sieben Stunden, d.h. selbst wenn das Gerät bei den Dreharbeiten am Stück 14 Stunden angeschaltet blieb, war es nicht notwendig, die Akkus zu wechseln. Durch den parallelen Einsatz von jeweils zwei Akkus – das Gerät lässt sich wahlweise gleichzeitig durch beide oder einen bestimmten speisen – ist es beim Wechseln nur eines der beiden Akkus auch nicht notwendig, den Cantar X auszuschalten, dies konnte sogar während einer Konzert-Aufzeichnung geschehen.

Das Doppel-MS-Signal der Angel (bzw. der festen DMS-Anordnung auf dem Stativ) wurde auf den ersten drei Spuren des Cantar aufgezeichnet. Bei Einsatz der Flügel-Grenzflächen wurden immer die Spuren 4 u. 5 verwendet, auf Spur 6 landete gegebenenfalls ein Anstecker-Mikrofon-Signal (z. B. Lang Lang), das mit einer Lectrosonics Digital Hybrid-Drahtlosanlage (Lectrosonics UCR511 + UM500) übertragen wurde. Diese konsequente Spurbelegung über den gesamten Dreh ermöglicht die reibungslose Weiterverarbeitung in der Postproduktion.

Ein Downmix der bis zu 6 Kanäle - zumeist das Mittensignal der Angel und/oder das Signal des Ansteck-Mikrofons - wurde über die separate Fader-Sektion des Cantar X hergestellt und als Guide-Track und gleichzeitige Abhörmöglichkeit für die Kameraleute mithilfe von Lectrosonics-IFB-Anlagen (Lectrosonics IFB T6 & R5A) drahtlos zu den Kameras übertragen und dort aufgezeichnet.

Synchronität von Ton und Bild – und auch die Video-Synchronisation zwischen den beiden zum Teil gleichzeitig eingesetzten Kameras (Sony HDW-750 HDCam) – wurde durch Verwendung von Ambient Trilevel-Lockits gewährleistet.

Der exakt gleiche Free-Run-Timecode der untereinander synchron und sehr stabil laufenden Lockit-Timecode- und Videoclockgeber wurde parallel von Cantar X und den Kameras aufgezeichnet, Voraussetzung für eine automatisierte Zusammenführung und Synchronisation von Ton- und Bildmaterial in der Postproduktion.

Der Cantar X zeichnete stets mit einem zehnsekündigen Pre-Record-Buffer auf. Das hatte den Vorteil, dass zum einen einige spontane Momente trotz zu späten Einschaltens noch „mit auf die Platte“ kamen, zum anderen zu jedem gedrehten Bild ein Ton-File mit Vorlauf und auch dem entsprechenden TC-Vorlauf existierte, was das Anlegen am Avid sehr erleichtert.

Fazit

Originalton in Surround und insbesondere die Verwendung des Doppel-MS Systems haben sich bei diesem dokumentarischen Projekt sehr bewährt. Durch die zusätzlichen Rauminformationen und die damit verbundene große Klangfülle und –vielfalt des Originaltons wurden die Aufnahmen authentischer, realistischer und damit letztendlich auch dokumentarischer. Sei es bei den Konzerten mit viel Publikum oder Proben Lang Langs mit Heerscharen von Journalisten am Flügel, im Backstage-Bereich oder im Hotel etc., stets sorgte eine interessante Geräuschkulisse für Neugier, was auf dem Rear-Kanal passiert, und für Bestätigung, dass ein Surround-Aufnahmeverfahren sich hier lohnte.

Nur durch die Konstruktion eines kompakten und sehr mobilen DMS-Setups mit Shockmount und Windkorb an der Angel konnte die nötige Flexibilität für solch einen Dreh geschaffen werden. Die Erfassung einer Surround-Atmo in statischer als auch subjektiver Perspektive erzeugt eine spannende akustische Szenerie.

Die Verwendung eines Richtrohrs war für ein präsentes Mittensignal erforderlich und die Wahl des CMIT5U ein außergewöhnlicher Glücksfall. Die Verwendung des herkömmlichen, kompatiblen SCHOEPS Doppel-M/S Setups für die statischen Aufnahmesessions ermöglichte hochqualitative Konzertaufnahmen.

Die mehrkanaligen Nurtöne und Atmosphären, die im Kino oder beim „DVD-Heimkino“ eine „umhüllende Wirkung“ erzeugen, werden normalerweise erst in der Postproduktion - beispielsweie durch Übereinanderschichten von Zweikanal-Stereoatmos – konstruiert. Mit der DMS-Angel war es jedoch zu jedem Zeitpunkt  der Dreharbeiten möglich, echte mehrkanalige Nurtöne und Atmos festzuhalten: wiederum eine wichtige Basis für die authentische mehrkanalige Vertonung und das Sounddesign der Dokumentation.

Team des Dokumentarfilm

Produzent: Dr. Manfred Frei
Regie: Benedict Mirow
Produktionsleitung: Marc Schmidt
Produktions-Assistenz : Aleksandra Krneta
Motiv-Aufnahmeleitung: Michael Arri
Kamera: Atul Rahul Jain
Kamera: Christian Baumeister
Kameraassistenz: Matthias Boch
Tonmeister: André Zacher

Verwendete Mikrofone

  • Kapsel Schoeps MK41g
  • 3 x Schoeps CMC6-Ug
  • Schoeps CCM41 Lg
  • 2 x Schoeps CCM8 Lg
  • 2 x Schoeps CCM4V
  • CCM4 Lg
  • CMIT 5U
  • 2 x Schoeps BLM 03 Cg
  • 2 x Wireless Microphone Countryman B6
  • 2 x Wireless Microphone Sanken COS11

Links

www.ks-gasteig.de/langlang.htm
www.schoeps.de

Fotos: Copyright by NIGHTFROG
"Dragon Songs - Lang Lang in China" (AT)
a LOFT/NIGHTFROG Production
Director: Benedict Mirow